Rez.: Kussl, R. (2026), Hellas im Hofgarten. Richard Seewalds Griechenlandzyklus in München. 92 S. Verlag: Schnell & Steiner Regensburg. 12,00 EUR (ISBN 978-3-7954-9078-2).
Gäste, die in München auf den Spuren der klassischen Antike sind, besuchen in der Regel die Staatliche Antikensammlung am Königsplatz oder die Glyptothek ebendort, möglicherweise auch die Alte Pinakothek, in der viele Gemälde zu sehen sind, die die Rezeption antiker Motive beinhalten, aber die Griechenlandbilder in den Hofgartenarkaden kennen nur wenige, selbst für Einheimische stellen sie meist ein Desiderat dar. Rolf Kussl, promovierter klassischer Philologie, Lehrkraft für Latein und Griechisch und viele Jahre als Ministerialrat im Bayerischen Kultusministerium für die Sprachlichen und Humanistischen Gymnasien sowie die klassischen Sprachen verantwortlich, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Wandbilder griechischer Landschaften, die der Maler und Schriftsteller Richard Seewald geschaffen und mit klassischen Zitaten von Homer bis Goethe versehen hat, einem interessierten Publikum zu erschließen. Wie aktuell das Thema ist zeigt ein Artikel in der Münchner Abendzeitung vom 14. Januar 2026, verfasst von Adrian Prechtel; der Titel lautet: Kennen Sie den Münchner Hofgarten? Aber vielleicht (noch) nicht den „Griechenlandzyklus“ dort. Fast unbekannt, doch bedeutend und mit Bedeutung: Die Bilder von Richard Seewald in den Hofgartenarkaden. Der Autor konstatiert, dass die meisten Besucherinnen und Besucher wohl achtlos an den Kunstwerken vorbeigehen. Adrian Prechtel formuliert: Dabei handelt es sich um etwas ganz Besonderes mit einer besonderen Geschichte. Rolf Kussl hat sich der Mühe unterzogen, dieser Geschichte nachzugehen sowie Bilder und Texte des Griechenlandzyklus einzeln vorzustellen und zu erläutern. Im Anhang I erfahren die Leserinnen und Leser interessante Details zur Biographie und zu den Reisen des Künstlers (78-79), während der Anhang II eine Synopse zu den Bildern enthält (80); auf knappem Raum bietet die Tabelle den jeweiligen Titel des Bildes, daneben die genaue Lokalisierung, nennt die Bildvorlage und verweist auf die Seitenzahl(en) der Publikationen und führt letztendlich die Quellen für die Übersetzungen an. Wer sich noch intensiver mit dem Opus beschäftigen möchte, kann auf die verwendete und weiterführende Literatur zurückgreifen (81-83). An das Abbildungsverzeichnis (84-86) schließt sich das nützliche Personen-, Orts- und Sachregister an (87-91, von Abendland bis Zypern).
Den Auftakt des Buches bietet ein kurzer Abschnitt mit dem Titel: „Der Münchner Hofgarten – Entspannung, Geschichte und vieles mehr“ (7). Wer eine Stadt wie München besucht, erlebt – wie in anderen Großstädten auch – die Hektik des Alltags, die zahlreichen Touristen, den Straßenverkehr. Aber: die Stadt bietet in unmittelbarer Nähe des Altstadtrings Orte der Erholung, und dazu zählt mit Sicherheit der Hofgarten, der direkt an den Odeonsplatz und an die Residenz angrenzt. R. Kussl erinnert daran, dass hier aber auch Geschichte erlebt werden kann, denn die Baugeschichte des Hofgartens, „seine Denkmäler und die in seinen Arkaden beheimateten Gemälde sind engstens mit der Historie Münchens, Bayerns und seiner Herrscher aus dem Hause Wittelsbach verbunden“ (7). Während viele Einzelheiten von Attraktionen in München bereits in Aufsätzen und Büchern, auch in Reiseführern, veröffentlicht wurden, bedarf es im Falle der Bilder des Malers Richard Seewald einer Publikation wie die hier von R. Kussl präsentierte, um den Werken des Künstlers gerecht zu werden und vor allem sie in Erinnerung zu rufen. Der Autor möchte eine Lücke schließen und die „Bilder und Texte nicht nur erstmals identifizieren und analysieren, sondern auch deren Vorlagen und Quellen“ erschließen (7). Damit dieses Ziel erreicht werden kann, hält es R. Kussl für unerlässlich, über die Geschichte des Hofgartens zu informieren („Der Hofgarten bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts“, 8-10), kurz auf die Kulturpolitik Ludwigs I. einzugehen („Ludwigs I. Bilderzyklen im Hofgarten – Wittelsbach, Italien, Griechenland“, 11) und die Situation Griechenlands im 19. Jahrhundert zu skizzieren („Hellas im Hofgarten zur Zeit König Ludwigs I.“, 12-15). Für diejenigen Leserinnen und Leser, die kaum Kenntnisse vom Künstler und von den Bildern und Texten haben, ist das sich daran anschließende Kapitel von besonderer Bedeutung: „Hellas im heutigen Hofgarten – Richard Seewalds Griechenlandzyklus“, 16-22).
Richard Seewald, 1889 in Arnswalde/Westpommern geboren, begann früh als Künstler tätig zu werden; seine Karikaturen und Gemälde wurden in verschiedenen Salons ausgestellt. Auch auf seinen zahlreichen Reisen entstanden viele Bilder; er wurde 1924 zum Professor an den Kölner Werkschulen berufen, wo er bis 1931 wirkte. 1934 unternahm er eine Reise zu den „Grenzen des Abendlandes“ (78). Dazu publizierte er 1936 folgendes Buch: Zu den Grenzen des Abendlandes. Eine Reise nach Stambul und Palästina, Cypern und Rhodos, Griechenland und dem Archipelagus (mit 160 Zeichnungen, München 1936). Da seine Kunst von den Nationalsozialisten als „entartet“ eingestuft wurde, zog er nach Ronco (Schweiz), erst 1954 nahm er eine Professur an der Münchner Akademie der Bildenden Künste an, lebte im Winter in dieser Stadt, ansonsten in Paris oder in Ligurien (78). 1961 wurde ihm die Ausmalung der Arkaden im Münchner Hofgarten übertragen; „er war für diese Aufgabe prädestiniert, denn kein anderer Künstler seiner Zeit hatte Griechenland so intensiv bereist, in hunderten Bildern gemalt sowie in zahlreichen Reisebeschreibungen und Tagebuchaufzeichnungen geschildert“ (16). Kurz vor seinem Tod 1976 schuf er Wandmalereien im Pfarrsaal der Herz-Jesu-Kirchen in München (79).
Bei den Kunstwerken handelt es sich um 15 „Fresko-Grisaillen, also in Grau, Weiß und Schwarz ausgeführte Malereien“ (18). Sie bilden einen Kontrapunkt zur Rückwand der Arkaden, die „in einem starken pompejanischen Rot gestrichen“ sind (78). Dass sie relativ hoch angesetzt wurden erklärt der Künstler unter anderem damit, dass die Malereien nicht in die Reichweite von Kinderhänden positioniert werden sollten und somit besser vor Beschädigungen geschützt seien (78). Als Vorlage dienten meist die bereits erwähnten Zeichnungen und Skizzen, die während der Reisen entstanden, die Richard Seewald unternommen hatte. Mindestens acht Bilder orientieren sich an den auf seiner ersten Griechenlandreise 1934 angefertigten Skizzen. Da der Künstler die Illustrationen in einigen Fällen mit detaillierten Bildtiteln versehen und seine Reise genau geschildert hat, ist es mitunter möglich, die Motive zu lokalisieren und „Rückschlüsse auf die jeweiligen Standorte, von denen er die Bilder zeichnete“, zu ziehen (19). Da ich im Rahmen dieser Besprechung natürlich nicht auf alle Bilder eingehen kann, die R. Kussl vorstellt und erläutert, sollen zumindest die Titel genannt sein: Felsige Küste, Griechisches Schiff, Pinie und Cypresse, Athen, Olympia, Delphi, Ithaka, Korfu, Zypern, Akrokorinth, Naxos, Korinth, Sunion, Aigina, Poros (5).
Richard Seewald hat nicht nur die Wandmalereien geschaffen, sondern auch altgriechische Texte (allerdings in deutscher Übersetzung) und solche von deutschen Klassikern (Hölderlin und Goethe) hinzugefügt; letztere kannte er sehr gut, teilweise sogar auswendig, wie seine Bücher und Aufsätze belegen (21). Texte folgender griechischer Autoren hat der Künstler ausgewählt: Homer, Sappho, Pindar, Euripides und Nonnos (21). Auf welche Übersetzungen er zurückgegriffen hat erfahren die Leserinnen und Leser im Abschnitt: Die Texte (21-22).
Wie R. Kussl die Vorstellung eines Bildes strukturiert hat, möchte ich am Beispiel von Abbildung 4: Athen exemplarisch darlegen. Auf Seite 26 ist das Bild im oberen Teil abgedruckt, der passende Texte von Pindar dazu darunter – wie im Original (Abb. 23). Auf der nächsten Seite (S. 27) gibt es zwei Abbildungen, oben eine größere Variante der Abbildung von S. 26 (Abb. 24), darunter die Skizze (Athen vom Fusse des Hymettos), die Richard Seewald 1936 angefertigt hat (Abb. 25). R. Kussl bietet einige aufschlussreiche Details, um das Bild besser einordnen zu können. Dazu zitiert er einige Beobachtungen (28), die der Künstler in seinem Buch (1936) formuliert hat; bei einem Ausflug zum Hymettos beschreibt Richard Seewald, was er beim Blick zurück auf die Stadt Athen erkennen konnte: den Lykabettos (die höchste Erhebung in Athen), die niedriger gelegene Akropolis mit dem Tempel und weitere örtliche Gegebenheiten, jeweils unter Rückgriff auf die Farbeindrücke veranschaulicht (R. Seewald, 1936, 90f.). Richard Seewald hat für das Bild ein vielzitiertes Fragment aus Pindars Dithyramben ausgewählt (Pindar, Dithyrambos fr. 76 Schröder [64 Snell], 28). In den folgenden Abschnitten (28/29) liefert R. Kussl einige instruktive Erläuterungen zum Werk des Dichters Pindar und zu dessen Dithyramben; außerdem erklärt er, warum der Text ausgezeichnet zum Bild passt und wie die historische Situation war. Es ging um die Auseinandersetzung der Griechen und der Perser, die die Athener für sich entschieden und Athen daher als „Bollwerk von Griechenland“ bezeichnet wurde (29). Da das Wirken des Strategen Perikles ebenfalls vorgestellt wird, war es naheliegend, die berühmte Nischenfigur des Perikles, die an der Außenfassade der Münchner Glyptothek zu sehen ist (Abb. 26), abzubilden (29).
In ähnlicher Weise verfährt R. Kussl bei der Präsentation der anderen Bilder. Im Falle von Korfu (44-48) hat er – wie bei den meisten anderen Motiven – ein aktuelles Farbfoto hinzugefügt (48). Dargestellt ist die Bucht von Paleokastritsa, an der Westküste Korfus gelegen. Viele halten die Insel für die Phäakeninsel Scheria, wo Odysseus angeblich nach einem Schiffbruch gestrandet ist. Die zwei von Richard Seewald ausgewählten Textstellen entstammen allerdings nicht der Odyssee, sondern einem Fragment von Goethes Nausikaa-Tragödie, die dieser aber nie vollendet hat. Nach Aussagen von R. Kussl hat der Künstler die Landschaft in einer Taverne am Strand sitzend skizziert (46). Heutzutage wird der Ort meist von Touristen überflutet, ein Faktum, das für die Zeit, da Richard Seewald die Bucht besuchte, mit Sicherheit nicht zutraf. Daher sah er sich auch nicht gezwungen, auf die der Bucht gegenüberliegende Anhöhe zu fahren und den Ort Lakones aufzusuchen, von wo man einen atemberaubenden Blick auf die Umgebung und vor allem auf die Bucht von Paleokastritsa (Anmerkung des Rezensenten).
Unter dem Gemälde zu Zypern (49-51) hat der Künstler einen Text ausgesucht, der dem Hymnos 6, An Aphrodite (V 1-3a) entnommen ist. Dieser Text passt sehr gut zum Bild, denn Aphrodite, Göttin der Liebe und der Schönheit, wird häufig mit Zypern in Verbindung gebracht. Die Zeichnung ist offenbar in einer Ebene von Larnaka entstanden, enthalten im Reisebericht von 1936 (R. Seewald, 61).
Insgesamt kann festgehalten werden, dass Rolf Kussl mit seiner Publikation eine Lücke füllt. Wer sich mit dem Griechenlandzyklus des Malers Richard Seewald auseinandersetzen möchte, kann mit großem Gewinn auf das besprochene Buch zurückgreifen. Der Autor bedient sich eines flüssigen Stils, liefert wichtige Informationen zum Verständnis der Gemälde in den Hofgartenarkaden und der dazu gehörigen Texte. Die Leserinnen und Leser werden nach der Lektüre des Opus gewiss das Bedürfnis verspüren, sich die Kunstwerke vor Ort genauer anzuschauen.
Rezensent: Dietmar Schmitz


