Neuerscheinung des Monats
April 2026
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Christine Schmitz, Mythen und kein Ende. Zum Umgang mit Mythen in der lateinischen Literatur der Spätantike. Stuttgart (Anton Hiersemann) 2025. (Standorte in Antike und Christentum 13). 257 S. ISBN 978-3-7772-2312-4, € 59,00.
Dass die antiken Mythen in Literatur und Kunst des Mittelalters, der Neuzeit und der Gegenwart so umfassend aufgegriffen werden, dass sie nach wie vor bis in die Populärkultur als Grundnarrative nachwirken, das verdankt sich einer Tatsache: Dass die Mythen in den Transformationsprozessen des Spätantike von nichtchristlichen und eben auch von christlichen Autoren weiterhin genutzt und gedeutet wurden. Wie man sich diesen wichtigen Schritt in der Wirkungsgeschichte der antiken Mythologie vorzustellen hat, schildert das Buch von Christine Schmitz. Zunächst hält die Verfasserin die methodischen Grundlagen ihrer Arbeit fest und führt durch die neuere Forschung. Das Kapitel II beschreibt dann, programmatisch für das ganze Buch, Grundtechniken, wie die christliche Literatur mit Mythen umgehen kann – so können sie beispielsweise durch biblische Narrative substituiert oder mit diesen in einer Art Wettbewerb gegenübergestellt werden. Kapitel III führt das breite Tableau der vor Augen, in dem christliche Autoren die Mythen als Beispiele. Kapitel IV skizziert dann vor allem anhand der Weltschöpfungs- und der Unterweltsmythen, in denen strukturelle Parallelen zwischen Mythos und Bibel unübersehbar sind, die Diskussion um einen möglichen oder fehlenden Wahrheitsgehalt der Mythologie. In Kapitel V geht es um die Mythenkritik als solche, in Kapitel VI um die Mythen als Materialgrundlage für die christliche Kritik an den antiken Göttern. Das Schlusskapitel VI bietet ein konkretes Beispiel: Am Mythos von Danaë, die von Zeus schwanger wird, nachdem dieser in einem Goldregen zu ihr gekommen ist, bietet die Möglichkeit, alle christlichen Annäherungen an ein Narrativ zu studieren: die rationalistische Deutung (der Goldregen steht für eine Bestechung der Wächter) ebenso wie den Vergleich mit der christlichen Jungfrauengeburt, der wiederum als erläuternde Analogie und als Beispiel für Konkurrenz und Übertreffen angewandt werden kann. Auf das Literaturverzeichnis folgen dann noch ein Register der mythischen Gestalten und ein Stellenregister, die aus dem Buch zugleich ein kleines mythologisches Nachschlagewerk machen. Bei aller wissenschaftlichen Expertise der Verfasserin – das Buch ist lebendig geschrieben und bestens lesbar. Die vielen Zitate aus der griechischen und römischen Literatur, die das Verständnis erleichtern und die Gedanken konkretisieren, sind übersetzt. Das geistreiche Werk schließt nicht nur eine Lücke in der Mythenrezeption, es führt auch immer wieder ganz unwillkürlich auf unmittelbar relevante Fragen und Einblicke: Wie wird in einer Gesellschaft Wahrheit verwandelt? Wer bestimmt, was Fake ist? Auf welche Narrative bezieht man sich? Und vor allem: Welche Vielfalt der Haltungen und Positionen kann in der christlichen wie nichtchristlichen Antike nebeneinander bestehen!
Stefan Freund
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März 2026
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Jasmine Mas, Bonds of Hercules. Liebe das Monster in mir. Düsterer Roman. Villains of Lore, Band 2. Übersetzt von Kira Wolf-Marz, Frankfurt am Main (FISCHER Tor Verlag) 2025, 608 Seiten, 25,00 € (Englische Originalausgabe: Bonds of Hercules, London 2025).
Das Buch wurde – wie bereits der erste Band – auf Englisch gelesen. Somit kann über die Übersetzungsqualität dieser Ausgabe weiterhin keine Aussage getroffen werden.
Wer die Rezension zum ersten Band gelesen hat, mag sich eventuell fragen, warum der zweite nach der ausgesprochenen Warnung für Philolog*innen als Lektüre überhaupt in Frage kam: Da sich die Reihe einer gewissen Beliebtheit erfreut, ja sogar gut bewertet wird und die Welt der antiken Götter, die Mas erschafft, durchaus interessant ist, hatte ich mich der naiven Hoffnung auf Besserung des Lateinischen hingegeben.
Es sei also gleich vorweg gesagt: Wer falsche lateinische Sätze nicht ertragen kann, halte sich weiterhin von diesen Büchern fern (vgl. bspw. „Nequit homo se reformat absque cruciatu!“), auch wenn sie in niedrigerer Frequenz auftreten. Wer sich aber vielleicht mit dem richtig zitierten Verg. Aen. 7,312 oder Sentenzen wie „acta non verba“ beschwichtigen lassen kann, mit Social-Media-Trends wie dem Anglerfisch vertraut ist und die folgenden tropes schätzt, kann der Geschichte sicherlich etwas abgewinnen: morally grey love interest, villain gets the girl, forbidden love, why choose, who did this to you, training sequence, animal companion.
Damit also zum Inhalt: In Band 1 hat die Protagonistin Alexis Hert (bzw. Hercules) herausgefunden, dass sie Tochter des Hades und der Persephone ist. Die beiden gehören (mit Ares, Aphrodite und Artemis) zu den chtonischen Göttern, die den olympischen durch ihre böseren Fähigkeiten gegenüberstehen und lediglich durch einen Bund in Frieden mit ihnen verweilen, um sich dem gemeinsamen Gegner der Titanen und der überhaupt dystopischen Welt zu stellen. Um in die Riege der Götter aufgenommen zu werden, musste Alexis sich ein Jahr lang an der spartanischen Kriegsakademie in den Dolomiten behaupten, was sie insbesondere durch die Mithilfe ihrer (unsichtbaren) Schlange Nyx, ihres dazu kommenden tierischen Begleiters Fluffy Junior und ihrer Betreuer Patro und Achilles geschafft hat. Zum Ende des Bandes hin ist Alexis zudem – eher unfreiwillig – in den heiligen Bund der Ehe mit den chtonischen Göttern Kharon und Augustus eingetreten.
Der zweite Band setzt direkt nach dem ersten an und behandelt auf emotionaler Ebene die „Verhandlung“ der Ehe, denn auch ihre ehemaligen Betreuer scheinen Interesse an Alexis zu hegen, die sich dementsprechend entscheiden muss, mit wem sie ihr Leben verbringen möchte. Alexis Alltag beinhaltet zudem die typischen Titanen-Einsätze, zu denen die chtonischen Götter durch das Bündnis mit den olympischen Göttern geschickt werden. Alexis tritt hierbei als starke Frau auf und erhält den Beinamen „angelus Romae“. Außerdem muss sie bereits kurze Zeit nach ihrem ersten Auftrag an den (jährlichen) Spartanischen Gladiatorenwettkämpfen teilnehmen, die die chtonischen Götter um des Friedens willen auf sich nehmen (müssen). Bei diesen Spielen erwürfelt jede*r Teilnehmer*in die Menge an Runden und Aufgaben, die durchgestanden werden müssen. Hierzu gehören u. a. Kämpfe gegen variierende Zahlen an Zyklopen, Gorgonen oder Ähnliches. Wer nicht siegt, wird gebrandmarkt. Insgesamt fallen sie äußerst brutal aus – was neben der Erfüllung des Genre an der Tatsache liegt, dass Medusa aus der Gefangenschaft befreit wurde, was Zeus und die anderen Olympier den chtonischen Göttern anlasten. Deswegen findet nach jeder Runde eine rabiate Befragung statt, um den Schuldigen zu finden…
Wer hat Medusa warum befreit? Wie kann Alexis die Gladiatorenwettkämpfe überleben? Für wen wird sie sich entscheiden? Warum geht es ihrem Begleiter Fluffy Junior durchgehend so schlecht? Diese und einige weitere Fragen werden in Band 2 aufgeworfen und beantwortet.
Anna Stöcker, Bergische Universität Wuppertal

Februar 2026
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Rez.: Kussl, R. (2026), Hellas im Hofgarten. Richard Seewalds Griechenlandzyklus in München. 92 S. Verlag: Schnell & Steiner Regensburg. 12,00 EUR (ISBN 978-3-7954-9078-2).
Gäste, die in München auf den Spuren der klassischen Antike sind, besuchen in der Regel die Staatliche Antikensammlung am Königsplatz oder die Glyptothek ebendort, möglicherweise auch die Alte Pinakothek, in der viele Gemälde zu sehen sind, die die Rezeption antiker Motive beinhalten, aber die Griechenlandbilder in den Hofgartenarkaden kennen nur wenige, selbst für Einheimische stellen sie meist ein Desiderat dar. Rolf Kussl, promovierter klassischer Philologie, Lehrkraft für Latein und Griechisch und viele Jahre als Ministerialrat im Bayerischen Kultusministerium für die Sprachlichen und Humanistischen Gymnasien sowie die klassischen Sprachen verantwortlich, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Wandbilder griechischer Landschaften, die der Maler und Schriftsteller Richard Seewald geschaffen und mit klassischen Zitaten von Homer bis Goethe versehen hat, einem interessierten Publikum zu erschließen. Wie aktuell das Thema ist zeigt ein Artikel in der Münchner Abendzeitung vom 14. Januar 2026, verfasst von Adrian Prechtel; der Titel lautet: Kennen Sie den Münchner Hofgarten? Aber vielleicht (noch) nicht den „Griechenlandzyklus“ dort. Fast unbekannt, doch bedeutend und mit Bedeutung: Die Bilder von Richard Seewald in den Hofgartenarkaden. Der Autor konstatiert, dass die meisten Besucherinnen und Besucher wohl achtlos an den Kunstwerken vorbeigehen. Adrian Prechtel formuliert: Dabei handelt es sich um etwas ganz Besonderes mit einer besonderen Geschichte. Rolf Kussl hat sich der Mühe unterzogen, dieser Geschichte nachzugehen sowie Bilder und Texte des Griechenlandzyklus einzeln vorzustellen und zu erläutern. Im Anhang I erfahren die Leserinnen und Leser interessante Details zur Biographie und zu den Reisen des Künstlers (78-79), während der Anhang II eine Synopse zu den Bildern enthält (80); auf knappem Raum bietet die Tabelle den jeweiligen Titel des Bildes, daneben die genaue Lokalisierung, nennt die Bildvorlage und verweist auf die Seitenzahl(en) der Publikationen und führt letztendlich die Quellen für die Übersetzungen an. Wer sich noch intensiver mit dem Opus beschäftigen möchte, kann auf die verwendete und weiterführende Literatur zurückgreifen (81-83). An das Abbildungsverzeichnis (84-86) schließt sich das nützliche Personen-, Orts- und Sachregister an (87-91, von Abendland bis Zypern).
Den Auftakt des Buches bietet ein kurzer Abschnitt mit dem Titel: „Der Münchner Hofgarten – Entspannung, Geschichte und vieles mehr“ (7). Wer eine Stadt wie München besucht, erlebt – wie in anderen Großstädten auch – die Hektik des Alltags, die zahlreichen Touristen, den Straßenverkehr. Aber: die Stadt bietet in unmittelbarer Nähe des Altstadtrings Orte der Erholung, und dazu zählt mit Sicherheit der Hofgarten, der direkt an den Odeonsplatz und an die Residenz angrenzt. R. Kussl erinnert daran, dass hier aber auch Geschichte erlebt werden kann, denn die Baugeschichte des Hofgartens, „seine Denkmäler und die in seinen Arkaden beheimateten Gemälde sind engstens mit der Historie Münchens, Bayerns und seiner Herrscher aus dem Hause Wittelsbach verbunden“ (7). Während viele Einzelheiten von Attraktionen in München bereits in Aufsätzen und Büchern, auch in Reiseführern, veröffentlicht wurden, bedarf es im Falle der Bilder des Malers Richard Seewald einer Publikation wie die hier von R. Kussl präsentierte, um den Werken des Künstlers gerecht zu werden und vor allem sie in Erinnerung zu rufen. Der Autor möchte eine Lücke schließen und die „Bilder und Texte nicht nur erstmals identifizieren und analysieren, sondern auch deren Vorlagen und Quellen“ erschließen (7). Damit dieses Ziel erreicht werden kann, hält es R. Kussl für unerlässlich, über die Geschichte des Hofgartens zu informieren („Der Hofgarten bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts“, 8-10), kurz auf die Kulturpolitik Ludwigs I. einzugehen („Ludwigs I. Bilderzyklen im Hofgarten – Wittelsbach, Italien, Griechenland“, 11) und die Situation Griechenlands im 19. Jahrhundert zu skizzieren („Hellas im Hofgarten zur Zeit König Ludwigs I.“, 12-15). Für diejenigen Leserinnen und Leser, die kaum Kenntnisse vom Künstler und von den Bildern und Texten haben, ist das sich daran anschließende Kapitel von besonderer Bedeutung: „Hellas im heutigen Hofgarten – Richard Seewalds Griechenlandzyklus“, 16-22).
Richard Seewald, 1889 in Arnswalde/Westpommern geboren, begann früh als Künstler tätig zu werden; seine Karikaturen und Gemälde wurden in verschiedenen Salons ausgestellt. Auch auf seinen zahlreichen Reisen entstanden viele Bilder; er wurde 1924 zum Professor an den Kölner Werkschulen berufen, wo er bis 1931 wirkte. 1934 unternahm er eine Reise zu den „Grenzen des Abendlandes“ (78). Dazu publizierte er 1936 folgendes Buch: Zu den Grenzen des Abendlandes. Eine Reise nach Stambul und Palästina, Cypern und Rhodos, Griechenland und dem Archipelagus (mit 160 Zeichnungen, München 1936). Da seine Kunst von den Nationalsozialisten als „entartet“ eingestuft wurde, zog er nach Ronco (Schweiz), erst 1954 nahm er eine Professur an der Münchner Akademie der Bildenden Künste an, lebte im Winter in dieser Stadt, ansonsten in Paris oder in Ligurien (78). 1961 wurde ihm die Ausmalung der Arkaden im Münchner Hofgarten übertragen; „er war für diese Aufgabe prädestiniert, denn kein anderer Künstler seiner Zeit hatte Griechenland so intensiv bereist, in hunderten Bildern gemalt sowie in zahlreichen Reisebeschreibungen und Tagebuchaufzeichnungen geschildert“ (16). Kurz vor seinem Tod 1976 schuf er Wandmalereien im Pfarrsaal der Herz-Jesu-Kirchen in München (79).
Bei den Kunstwerken handelt es sich um 15 „Fresko-Grisaillen, also in Grau, Weiß und Schwarz ausgeführte Malereien“ (18). Sie bilden einen Kontrapunkt zur Rückwand der Arkaden, die „in einem starken pompejanischen Rot gestrichen“ sind (78). Dass sie relativ hoch angesetzt wurden erklärt der Künstler unter anderem damit, dass die Malereien nicht in die Reichweite von Kinderhänden positioniert werden sollten und somit besser vor Beschädigungen geschützt seien (78). Als Vorlage dienten meist die bereits erwähnten Zeichnungen und Skizzen, die während der Reisen entstanden, die Richard Seewald unternommen hatte. Mindestens acht Bilder orientieren sich an den auf seiner ersten Griechenlandreise 1934 angefertigten Skizzen. Da der Künstler die Illustrationen in einigen Fällen mit detaillierten Bildtiteln versehen und seine Reise genau geschildert hat, ist es mitunter möglich, die Motive zu lokalisieren und „Rückschlüsse auf die jeweiligen Standorte, von denen er die Bilder zeichnete“, zu ziehen (19). Da ich im Rahmen dieser Besprechung natürlich nicht auf alle Bilder eingehen kann, die R. Kussl vorstellt und erläutert, sollen zumindest die Titel genannt sein: Felsige Küste, Griechisches Schiff, Pinie und Cypresse, Athen, Olympia, Delphi, Ithaka, Korfu, Zypern, Akrokorinth, Naxos, Korinth, Sunion, Aigina, Poros (5).
Richard Seewald hat nicht nur die Wandmalereien geschaffen, sondern auch altgriechische Texte (allerdings in deutscher Übersetzung) und solche von deutschen Klassikern (Hölderlin und Goethe) hinzugefügt; letztere kannte er sehr gut, teilweise sogar auswendig, wie seine Bücher und Aufsätze belegen (21). Texte folgender griechischer Autoren hat der Künstler ausgewählt: Homer, Sappho, Pindar, Euripides und Nonnos (21). Auf welche Übersetzungen er zurückgegriffen hat erfahren die Leserinnen und Leser im Abschnitt: Die Texte (21-22).
Wie R. Kussl die Vorstellung eines Bildes strukturiert hat, möchte ich am Beispiel von Abbildung 4: Athen exemplarisch darlegen. Auf Seite 26 ist das Bild im oberen Teil abgedruckt, der passende Texte von Pindar dazu darunter – wie im Original (Abb. 23). Auf der nächsten Seite (S. 27) gibt es zwei Abbildungen, oben eine größere Variante der Abbildung von S. 26 (Abb. 24), darunter die Skizze (Athen vom Fusse des Hymettos), die Richard Seewald 1936 angefertigt hat (Abb. 25). R. Kussl bietet einige aufschlussreiche Details, um das Bild besser einordnen zu können. Dazu zitiert er einige Beobachtungen (28), die der Künstler in seinem Buch (1936) formuliert hat; bei einem Ausflug zum Hymettos beschreibt Richard Seewald, was er beim Blick zurück auf die Stadt Athen erkennen konnte: den Lykabettos (die höchste Erhebung in Athen), die niedriger gelegene Akropolis mit dem Tempel und weitere örtliche Gegebenheiten, jeweils unter Rückgriff auf die Farbeindrücke veranschaulicht (R. Seewald, 1936, 90f.). Richard Seewald hat für das Bild ein vielzitiertes Fragment aus Pindars Dithyramben ausgewählt (Pindar, Dithyrambos fr. 76 Schröder [64 Snell], 28). In den folgenden Abschnitten (28/29) liefert R. Kussl einige instruktive Erläuterungen zum Werk des Dichters Pindar und zu dessen Dithyramben; außerdem erklärt er, warum der Text ausgezeichnet zum Bild passt und wie die historische Situation war. Es ging um die Auseinandersetzung der Griechen und der Perser, die die Athener für sich entschieden und Athen daher als „Bollwerk von Griechenland“ bezeichnet wurde (29). Da das Wirken des Strategen Perikles ebenfalls vorgestellt wird, war es naheliegend, die berühmte Nischenfigur des Perikles, die an der Außenfassade der Münchner Glyptothek zu sehen ist (Abb. 26), abzubilden (29).
In ähnlicher Weise verfährt R. Kussl bei der Präsentation der anderen Bilder. Im Falle von Korfu (44-48) hat er – wie bei den meisten anderen Motiven – ein aktuelles Farbfoto hinzugefügt (48). Dargestellt ist die Bucht von Paleokastritsa, an der Westküste Korfus gelegen. Viele halten die Insel für die Phäakeninsel Scheria, wo Odysseus angeblich nach einem Schiffbruch gestrandet ist. Die zwei von Richard Seewald ausgewählten Textstellen entstammen allerdings nicht der Odyssee, sondern einem Fragment von Goethes Nausikaa-Tragödie, die dieser aber nie vollendet hat. Nach Aussagen von R. Kussl hat der Künstler die Landschaft in einer Taverne am Strand sitzend skizziert (46). Heutzutage wird der Ort meist von Touristen überflutet, ein Faktum, das für die Zeit, da Richard Seewald die Bucht besuchte, mit Sicherheit nicht zutraf. Daher sah er sich auch nicht gezwungen, auf die der Bucht gegenüberliegende Anhöhe zu fahren und den Ort Lakones aufzusuchen, von wo man einen atemberaubenden Blick auf die Umgebung und vor allem auf die Bucht von Paleokastritsa (Anmerkung des Rezensenten).
Unter dem Gemälde zu Zypern (49-51) hat der Künstler einen Text ausgesucht, der dem Hymnos 6, An Aphrodite (V 1-3a) entnommen ist. Dieser Text passt sehr gut zum Bild, denn Aphrodite, Göttin der Liebe und der Schönheit, wird häufig mit Zypern in Verbindung gebracht. Die Zeichnung ist offenbar in einer Ebene von Larnaka entstanden, enthalten im Reisebericht von 1936 (R. Seewald, 61).
Insgesamt kann festgehalten werden, dass Rolf Kussl mit seiner Publikation eine Lücke füllt. Wer sich mit dem Griechenlandzyklus des Malers Richard Seewald auseinandersetzen möchte, kann mit großem Gewinn auf das besprochene Buch zurückgreifen. Der Autor bedient sich eines flüssigen Stils, liefert wichtige Informationen zum Verständnis der Gemälde in den Hofgartenarkaden und der dazu gehörigen Texte. Die Leserinnen und Leser werden nach der Lektüre des Opus gewiss das Bedürfnis verspüren, sich die Kunstwerke vor Ort genauer anzuschauen.
Rezensent: Dietmar Schmitz

Januar 2026
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James Islington, The Will of the Many, Hierarchy Buch 1, aus dem Englischen von Gerda M. Pum, Berlin (Adrian und Wimmelbuchverlag) 2025, 777 Seiten, 24,95 € (Englische Originalausgabe: The Will of the Many, 2023).
Der australische Autor James Islington legt mit The Will of the Many seinen insgesamt vierten Roman vor. Wie schon bei den Vorgängern, der Licanius-Trilogie, bewegen wir uns im Bereich der High oder Epic Fantasy.
Die Welt, die Islington für seinen Roman erschafft, ist in ihrer Geographie und Geschichte fiktional, soziokulturell weist sie aber klare Parallelen zur römischen Antike auf. Das gilt vor allem für den Hauptschauplatz, die Catenische Republik. Dabei handelt es sich um eine aristokratisch regierte (Schein-)Republik, die streng hierarchisch organisiert ist und von Senatoren regiert und verwaltet wird. Die breite Masse der Bevölkerung wird unterdrückt und unter anderem mit Unterhaltungsprogrammen (ein für die Geschichte zentrales Ereignis spielt in einer Naumachie) bei Laune gehalten. Außerdem sieht sich die Catenische Republik selbst als auf militärische Expansion ausgerichtete Zivilisationsbringerin.
Vor diesem Hintergrund begleiten wir den 17-jährigen Waisenjungen Vis (ein Pseudonym; das grammatikalische Geschlecht des lateinischen vis sollte man bei der Lektüre ausblenden), den autodiegetischen Erzähler des Romans. Ursprünglich der Thronfolger eines inzwischen unterworfenen Kleinstaates, lebt er zu Beginn der Geschichte unerkannt in einem Waisenhaus. Nachdem er von einem Senator adoptiert wird, gerät er rasch in ein Netz von Intrigen: So soll er seinem Adoptivvater, der um seine wahre Identität nicht weiß, dabei helfen, den Tod von dessen jüngeren Bruder aufzuklären. Dieser Bruder ist einige Jahre vor der Handlung des Romans unter ungeklärten Umständen an der Akademie, an der ausgewählte Kinder der senatorischen Oberschicht, in den anderthalb Jahren, bevor sie 18 werden, zur künftigen Elite ausgebildet werden, gestorben. Außerdem versucht eine Widerstandsgruppe Vis für ihren Kampf gegen die Republik zu rekrutieren. Gleichzeitig muss er sich an der Akademie behaupten, sich dort gegen Mitschüler:innen durchsetzen, Freundschaften aufbauen, unbemerkt spionieren und bei all dem seine wahre Identität verheimlichen.
Vor allem die Verwendung der lateinischen Sprache ist es, die aus altphilologischer Sicht den Reiz des Romans ausmacht. Viele Figuren tragen sprechende Namen, wie beispielsweise die Hauptfigur Vis (von einer anderen Romanfigur treffend mit der Aussage „Du hast ein Aggressionsproblem.“ beschrieben), seinen Adoptivvater Ulciscor, eine bestenfalls zwielichtige Matrone Atrox, die ein Waisenhaus leitet, einen Mitschüler namens Callidus sowie die Catenische Republik selbst. Bei Formulierungen wie „ein Octavii“, muss man sich aber daran erinnern, dass man eben keinen lateinischen Text liest.
Erwähnenswert ist auch die Qualität der deutschen Übersetzung: So entscheidet sich Gerda Pum bei vielen grammatikalischen Strukturen (besonders prägnante Beispiele sind Partizipien und manche Satzgefüge) konsequent dafür, diese unverändert Wort für Wort zu übersetzen. Insgesamt kommt dadurch nie ein Zweifel auf, dass es sich um eine sehr ausgangssprachenorientierte Übersetzung handelt, wodurch das Lesevergnügen nicht unerheblich beeinträchtigt werden kann. Zudem häufen sich auf den letzten ca. 150 Seiten auch Rechtschreib- und Interpunktionsfehler.
Vor diesem Hintergrund wird der Rezensent den zweiten Band, der im November 2025 auf Englisch unter dem Titel „The Strength of the Few“ und im Folgemonat unter gleichem Titel auf Deutsch erscheint, lieber im Original lesen.
Jonas Ludäscher (Technische Hochschule Ingolstadt)

Dezember 2025
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Judith & Christian Vogt, Ich, Hannibal. Rom wird vor ihr erzittern, Roman, München (Piper) 2024, ISBN 978-3-492-70658-2, 430 Seiten, € 17,00.
Judith und Christian Vogt schaffen in ihrem 2024 bei Piper erschienenen Roman Ich, Hannibal. Rom wird vor ihr erzittern die spannende Neuinterpretation eines berühmten – wenn nicht des berühmtesten – Feldzugs gegen Rom; die Ausgangsidee ist dabei ebenso provokant wie literarisch reizvoll: Die Erzählung beginnt im Jahr 218 v. Chr. mit dem Aufbruch des karthagischen Heers gegen Rom; doch Hannibal Barkas ist bereits tot – seine Frau (und Mörderin) Himilke tritt an seine Stelle, trägt seine Totenmaske, nimmt sogar seinen Namen an und führt sein Heer durch Europa, über die Alpen, nach Cannae und schließlich in die Stadt Rom selbst. Damit beginnt ein fantastisches „Was wäre, wenn“ – ein Gedankenexperiment, das historische Ausgangsbedingungen, mythische Elemente und gegenwärtige Diskussionen um Geschlecht, Macht und Krieg miteinander verwebt. Dabei fügt sich das markante Fantasy-Element des Romans – die Existenz von Kreaturen wie Mantikoren, Sphingen, des Leviathans oder auch der Riesenschlange Ketos (zusammenfassend Bestien oder Monster genannt) – harmonisch in das historische Geschehen ein: Bestien werden von Menschen aufgespürt, unterworfen und als Kriegsinstrumente genutzt – eine eindrückliche Allegorie auf die Instrumentalisierung des Lebendigen im Dienst der Herrschaft. Dadurch werden historische Rekonstruktion und Fantasy zu einem eigenständigen literarischen Kosmos verbunden, der weniger an klassische Historien- als vielmehr an Fantasyromane über Herrschaft, Gewalt, aber auch Empathie erinnert.
Erzählerisch überrascht der Roman das Lesepublikum von Beginn an damit, dass gerade nicht die durch den Titel suggerierte Perspektive (Ich (!), Hannibal) eingenommen wird: Die Handlung wird nämlich nicht aus den Augen der „neuen“ Hannibal selbst erzählt, sondern aus drei verschiedenen Blickwinkeln, von Personen, die mehr oder weniger nah mit der Titelheldin in Verbindung stehen, nämlich der Perspektive
- des spartanischen Geschichtsschreibers Sosylos (einem Sklaven im karthagischen Heer, dessen Existenz Cornelius Nepos in seiner Hannibal-Vita erwähnt)
- der numidischen Monsterjägerin Tamenzut (die nach und nach die Rolle der Protagonistin des Romans einnimmt) und
- der jungen Witwe und Stiefmutter Fulvia (die in Rom lebt und die geschilderten Entwicklungen damit „von der Gegenseite aus“ betrachten kann).
Diese Dreiteilung erlaubt es den Autor:innen, den Zweiten Punischen Krieg als Panorama von Macht, Unterdrückung und Widerstand aus verschiedenen Perspektiven zu entfalten. Während Sosylos als Geschichtsschreiber das Geschehen primär beobachtet, bezeugt und kommentiert, verkörpert Tamenzut den Kampf zwischen Mensch und Monster, aber auch zwischen gesellschaftlicher Norm und Selbstbestimmung. Beide erleben Hannibal und ihre Probleme, Fragen, Sorgen und Überzeugungen aus nächster Nähe. Fulvia wiederum erlebt das römische Patriarchat, in dem Frauen zu Objekten männlicher Macht degradiert werden.
Sprachlich überzeugt der Roman grundsätzlich durch eine Mischung aus zeitlich passendem Wortschatz und moderner Klarheit. Bisweilen werden dazu lateinische und griechische Begriffe eingebaut, wobei man allerdings anmerken muss, dass von „einem (!) domus“ (S. 76), einem „Becher heißer (!) mulsum“ (S. 136) oder „Iupiter“ (S. 238) gesprochen wird. Die Beschreibungen regen die Vorstellung des Lesepublikums an und sind bildlich, aber nicht überladen: Das „dumpfe Dröhnen“ der Schlacht von Cannae, das „Anschwellen der Melodie der Schlacht“ (S. 349) – solche Formulierungen zeigen den literarischen Anspruch der Autor:innen, die Brutalität des Krieges nicht bloß zu schildern, sondern erfahrbar zu machen. Deutlich wird aber auch, dass Schlachten und Blutvergießen im Kampf nicht die Kernelemente des Werkes sind: So werden militärische Erfolge und Niederlagen zumeist eher zusammenfassend und ergebnisorientiert geschildert – außer, wenn eine oder mehrere der im Fokus stehenden Figuren beteiligt sind (etwa im Finale, dem Kampf in Rom, wo erwartbarerweise alle drei beteiligt sind).
Gleichzeitig wird immer wieder auf Sprache als Machtinstrument verwiesen: Wer benennt, wer erzählt, wer schreibt Geschichte? Sosylos‘ Blick als Chronist, der „gefesselt davon [war], nicht der Geschichte von Männern zuzusehen, sondern zu lauschen, wie zwei Frauen unerhörterweise Teil von Geschichte wurden“ (S. 155), spiegelt das zentrale Anliegen der Autor:innen wider: Geschichte aus der Perspektive derer zu erzählen, die von den antiken Gesellschaften von der Macht ausgeschlossen und übersehen werden.
Stilistisch ist Ich, Hannibal durchaus anspruchsvoll, aber zugänglich: Hoher und umgangssprachlicher Stil wechseln sich, je nach begleiteter Figur, ab. Ruppige, bisweilen auch derbe Sprache prägt die Atmosphäre phasenweise ebenso wie die Ausformulierung weitreichender, philosophischer Gedankengänge und Vorstellungen. Die Erzählweise ist episodenhaft, mit Zeitsprüngen und wechselnden Fokalisierungen, die ein dichtes Geflecht von Erfahrungen ergeben. Die Dialoge sind prägnant, die Figurenzeichnungen sorgfältig, und trotz der Fülle an Namen, Orten und mythischen Elementen bleibt der Text verständlich und die Handlung nachvollziehbar. Weitgehend verzichtet wird auf heroische Pathosgesten, stattdessen stehen Zerrissenheit, Zweifel und Ambivalenz der begleiteten Figuren im Zentrum. Gerade dadurch entfaltet der Roman eine ungewohnte Intensität.
Inhaltlich und thematisch ist Ich, Hannibal ein (für die Antike wie Moderne) gesellschaftskritischer Roman, der (insbesondere) genderbezogene Probleme schildert. Er unterläuft die traditionelle Geschichtsschreibung – in der Krieg, Macht und Ruhm als männliche Domänen gelten und die damit verbundenen Geschlechterrollen verankert sind – und fragt danach, welche Rolle Frauen und queere Personen in solchen Narrativen spielen können oder eben auch nicht (und warum). Die drei Figuren, deren Perspektiven eingenommen werden, sind keine strahlenden Held:innen, sondern Figuren, die Gewalt, Schuld und Verantwortung mit sich tragen. Besonders Tamenzut, die im Verlauf des Romans auch ihre eigene Macht über Bestien hinterfragt, verkörpert das Zentrum der Erzählung: Ist Befreiung möglich, ohne selbst zum Unterdrücker zu werden? Diese Frage verleiht dem Roman eine zeitlose Relevanz: Über die Handlung hinaus entfaltet sich eine vielschichtige Reflexion über Krieg und Macht(-missbrauch).
Der Blick auf die Rivalität von Karthago und Rom wird so zum Spiegel heutiger Gesellschaften, in denen Macht und Gewalt weiterhin eng verflochten sind. Ich, Hannibal. Rom wird vor ihr erzittern ist ein ebenso anspruchsvoller wie lohnender Roman. Er kombiniert historische Rahmenbedingungen, fantastische Kreativität und politische Schärfe zu einer Erzählung, die unterhält, bewegt und zum Nachdenken zwingt.
Philipp Buckl (Bergische Universität Wuppertal)


