Neuerscheinung des Monats

Natalie Haynes, Die Kinder der Jokaste. Roman. Übersetzt aus dem Englischen von Lena Kraus, München (dtv) 2024, ISBN 978-3-423-21897-9, 400 Seiten, € 14,00 (englische Originalausgabe: The Children of Jocasta, London 2017)

Die britische Schriftstellerin und Altphilologin Natalie Haynes studierte Classics in Cambridge und verbindet in ihren Romanen ihre wissenschaftliche Beschäftigung mit der griechisch-römischen Antike mit einem ausgeprägten Gespür für erzählerische Spannung. In „Die Kinder der Jokaste“ wendet sie sich dem thebanischen Sagenkreis zu und erzählt die Geschichten um Ödipus und Antigone konsequent aus weiblichen Perspektiven. Im Zentrum stehen dabei zwei Figuren, die in den antiken Überlieferungen häufig hinter den titelgebenden Helden zurücktreten: Jokaste und ihre Tochter Ismene. Die Übersetzung von Lena Kraus bringt Haynes’ flüssige und anschauliche Prosa überzeugend ins Deutsche und unterstützt den insgesamt sehr zugänglichen Erzählton.

Der Roman ist auf zwei zeitlich voneinander entfernte Handlungsebenen angelegt. Zunächst begleitet Haynes die fünfzehnjährige Jokaste, die gegen ihren Willen mit dem deutlich älteren König Laios von Theben verheiratet wird. Die Ehe ist weniger persönliche Verbindung als politisches Arrangement und dient vor allem der Sicherung der Thronfolge. Als Jokaste einen Sohn zur Welt bringt, wird ihr dessen Tod vorgetäuscht, weil eine Prophezeiung den Untergang des Königs durch die Hand seines eigenen Sohnes vorausgesagt hat. Jahre später tritt ein Mann namens Ödipus in Jokastes Leben: Nach dem Tod des Laios wird er zum neuen Herrscher von Theben und zwischen ihm und Jokaste entsteht eine Beziehung, deren verhängnisvolle Vorgeschichte beiden zunächst unbekannt ist.

Parallel dazu erzählt Haynes aus der Perspektive von Ismene, Jokastes jüngster Tochter. Deren Handlung setzt mit einem Mordanschlag ein und entwickelt sich zu einer politischen und familiären Spurensuche. Die Frage nach der rechtmäßigen Herrschaft über Theben verbindet sich mit den Gerüchten über die Vergangenheit der königlichen Familie. Ismene muss erkennen, dass der Palast, der ihr bislang Schutz und Sicherheit zu bieten schien, keineswegs ein geschützter Ort ist. Indem die beiden Erzählstränge miteinander verschränkt werden, ergänzt die frühere Geschichte die Lücken der späteren und führt schrittweise zu einem neuen Blick auf den bekannten Ödipus-Mythos.

Besonders gelungen ist dabei Haynes’ Entscheidung, die Handlung nicht allein als Geschichte eines unvermeidlichen Schicksals zu erzählen. Zwar bleiben Orakel, Prophezeiungen und die Vorstellung eines Fluchs wichtige Bestandteile der Handlung, doch die Autorin richtet den Blick stärker auf menschliche Entscheidungen, Machtverhältnisse und familiäre Prägungen. Liebe, Trauer, Schuld, Misstrauen und politische Interessen werden dadurch zu Kräften, die ebenso zerstörerisch wirken können wie ein göttlich verhängtes Schicksal. Gerade diese Verschiebung macht den Mythos für heutige Leser:innen unmittelbar zugänglich, ohne seine tragische Grundstruktur aufzugeben.

Im Mittelpunkt stehen die beiden Frauenfiguren. Jokaste wird als junge Frau gezeigt, die zunächst kaum Einfluss auf ihr eigenes Leben besitzt und in den politischen Interessen der Männer um sie herum gefangen ist. Ihre Entwicklung von der früh verheirateten Jugendlichen zur Königin von Theben verleiht ihrer Geschichte eine besondere emotionale Spannung. Ismene wiederum erhält eine Handlungsmacht, die ihr in vielen traditionellen Darstellungen des thebanischen Sagenkreises kaum zukommt. Sie ist nicht bloß die stille Schwester der Antigone, sondern eine aufmerksame, intelligente und zunehmend selbstbewusste Figur, die sich gegen die politischen und familiären Erwartungen ihrer Umgebung behaupten muss. Auch die übrigen Frauen des Romans werden nicht lediglich als Nebenfiguren behandelt, sondern als Personen mit eigenen Interessen, Ängsten und Handlungsmöglichkeiten.

Haynes’ Perspektivwechsel ist dabei keineswegs nur eine moderne feministische Umdeutung eines bekannten Stoffes. Vielmehr nutzt sie die unterschiedlichen Überlieferungen des thebanischen Mythos, um eine plausible und zugleich eigenständige literarische Version zu entwickeln. Dass die Autorin mit den antiken Quellen vertraut ist, wird besonders im Nachwort deutlich: Dort erläutert sie die verschiedenen Varianten des Ödipus-Stoffs und macht transparent, an welchen Stellen sie sich an antike Traditionen anschließt oder diese für ihren Roman verändert. Die umfangreiche Recherche bildet damit nicht bloß den Hintergrund der Erzählung, sondern wird zu einer ihrer besonderen Stärken.

Etwas Geduld verlangt der Beginn aus Jokastes Perspektive, der im Vergleich zur späteren Handlung zunächst sehr ruhig wirkt. Sobald jedoch Ödipus in die Geschichte eintritt und sich die beiden Zeitebenen zunehmend aufeinander zubewegen, gewinnt der Roman deutlich an Dynamik. Gerade die Frage, wie sich die bekannten Ereignisse tatsächlich zugetragen haben, erzeugt eine Spannung, die bis zum emotionalen Ende anhält. Haynes gelingt es dabei, den Ausgang des Mythos nicht einfach vorauszusetzen, sondern auch für Kenner:innen der antiken Geschichte ein Gefühl von Unsicherheit und Erwartung zu erzeugen.

„Die Kinder der Jokaste“ ist eine überzeugende und unterhaltsame Neuinterpretation des thebanischen Sagenkreises. Natalie Haynes verbindet philologische Kenntnis mit einer modernen, klaren Erzählweise und rückt Figuren ins Zentrum, deren Perspektiven in den traditionellen Erzählungen oft nur am Rand sichtbar werden. Wer sich für griechische Mythologie, literarische Retellings oder insbesondere für den Ödipus- und Antigone-Stoff interessiert, findet hier eine spannende Alternative zu den vertrauten männlichen Heldenperspektiven.

Philipp Buckl, Université de Strasbourg

 

Friedrich Maier, Sophia. Morgenröte der Vernunft. Die Karriere der Philosophie. Ovid-Verlag Bad Driburg 2021. 168 S., 10 EURO (ISBN 978-3-938952-41-2)

Friedrich Maier, langjähriger Vorsitzender und inzwischen Ehrenvorsitzender des Deutschen Altphilologenverbandes, hat den fünften Band seines humanistischen Essayquintetts publiziert. Im Vordergrund steht der Wertbegriff sophia, der eng mit dem Philosophiebegriff im Zusammenhang steht. Gerade in unserer Zeit ist es wichtig, über Wertbegriffe und Wertvorstellungen nachzudenken und sie in den aktuellen Diskurs einzubringen. Der Autor stellt in dreizehn Essays die verschiedenen Facetten des Begriffs sophia vor, dabei beginnt er mit einem Zitat aus der Ilias des Homer, einem der bedeutendsten literarischen Werke der europäischen Geistesgeschichte. Chronologisch durchforstet Maier die wichtigsten antiken Texte im Hinblick auf den Begriff sophia, grenzt ihn ab zur sapientia und stellt die verschiedenen Bedeutungen des deutschen Komplementärbegriffs Weisheit vor. Er geht aber weit über die antiken Gedanken zur Weisheit hinaus und prüft punktuell die Relevanz des seiner Meinung wichtigsten Wertbegriffs bis in die heutige Zeit. Unterstützt werden die Gedanken des Autors durch visuelle Eindrücke, Werke der europäischen Malerei der Neuzeit, aber auch Mosaike aus der Antike, sowie es bei Publikationen im Ovid-Verlag üblich ist. In den klar gegliederten Beiträgen verzichtet Maier auf Fußnoten, der interessierte Leser findet im Literaturverzeichnis wichtige Publikationen zur Thematik.

Maier Sophia

Bernhard Zimmermann (Hrsg.), 29. Salemer Sommerakademie. Frauen und Frauenbild in der Antike. Reihe Paradeigmata Bd. 64. Baden-Baden 2021. 178 S., 34 EURO (ISBN 978-3-96821-777-2)

Die Sommerakademie in Salem bietet regelmäßig Fortbildungen an; die letzte Tagung stellte das Thema: „Frauen und Frauenbild in der Antike“ in den Vordergrund. B. Zimmermann hat den Band mit großer Sorgfalt herausgegeben. Zunächst werden Heldinnen der Odyssee vorgestellt; dann wird herausgearbeitet, auf welche Weise römische Dichter wie Catull, Vergil und Ovid das Bild einiger Heldinnen wie Kalypso, Nausikaa und Kirke verändert haben (Th. Baier). Verschiedene Interpretationsmöglichkeiten der Bildteppiche in Ovids Metamorphosen (6,70-128) werden ebenso feinfühlig präsentiert (M. Lobe) wie das Frauenbild der antichristlichen Polemiker der Spätantike (Chr. Riedweg). Archäologische Aspekte im Zusammenhang mit mythischen Heldinnen und Göttinnen erörtert C. Reinhardt. Wie Kleopatras Selbstmord in Filmen und literarischen Verarbeitungen konzipiert wird steht im Fokus eines Beitrags von A. Bettenworth. Schließlich widmet sich C. Walde dem Thema: Schicksal der Frauen im Bürgerkrieg. Textgrundlage ist das Bellum civile von Lucan. Es werden in allen Beiträgen zahlreiche Facetten der jeweiligen Sujets feinsinnig und kenntnisreich erörtert, und dies in einem gut lesbaren Duktus.

(Rezension: Dietmar Schmitz)

ZimmermannFrauenFrauenbilderCover1

Dietmar Schmitz, Kleine Schriften. Antike – Spätantike – Neuzeit –  Fachdidaktik. Analysen griechischer und römischer Texte, Aspekte ihrer Rezeption und Transformation, Übersetzungen lateinischer Texte und Gedanken zur didaktischen Umsetzung. Reihe Studien zur klassischen Philologie Bd. 181. Berlin 2021. 1011 S., 129,95 EURO (ISBN 978-3-631-83623-1)

Der lebendige Austausch zwischen Fachwissenschaft und Schule gehört sicher zu den Eigenheiten und Vorzügen der Alten Sprachen. Einer, der diesen Brückenschlag in besonderer Weise verkörpert, ist gewiss Dietmar Schmitz, als Forscher zur klassischen Antike, zur Spätantike, zum Humanismus und zur Fachdidaktik (insbesondere, aber nicht nur, zu den Unterrichtswerken), stets unter Einbeziehung auch seiner romanistischen Bildung, genauso hervorgetreten wie als Lehrer und Rezensent. Nun liegt eine große Sammlung seiner kleinen Schriften im Umfang von über 1000 Seiten vor. Darin enthalten sind bekannte Beiträge wie etwa zu den Zeugen in Ciceros Verres-Reden (19-29), zu den römischen Wertbegriffen bei Christen und Nichtchristen in der Spätantike (343-369) zum ‚Wandel in der Konzeption lateinischer Unterrichtswerke‘ (685-747) usw. Ergänzend komme anregende  Originalbeiträge hinzu, etwa zur Todesproblematik bei Seneca (31-57), Einführendes zu Sueton (59-62) und Muretus (479-491) sowie zu mittelalterlichen Texten im Lateinunterricht (799-831). Einen bemerkenswerten Abschnitt stellen auch die Beiträge zur humanistischen Tradition in der Romania dar (493-523, teilweise spanisch oder französisch), ihr fachdidaktisches Komplement finden sie in Überlegungen über ‚Latein und Griechisch als Basisfächer für das Erlernen der spanischen Sprache‘ (793-798). Alle vier bereits im Untertitel genannten Hauptkapitel enden mit einer Zusammenstellung thematisch einschlägiger Rezensionen – die längste umfasst mehr als 100 Seiten. Willkommen ergänzt wird dieses vielseitig anregende Werk durch Namens- und Begriffsregister.

(Rezension: Stefan Freund)

ZimmermannFrauenFrauenbilderCover1

Dennis Pausch: Virtuose Niedertracht. Die Kunst der Beleidigung in der Antike. München: Beck 2021. 223 S. € 22,--

Calumniare audacter, semper aliquid haeret – das ist leider kein antikes, sondern neuzeitliches Latein (und stammt von Francis Bacon), aber es trifft die Kunst der Verleumdung, die ars invectiva, von der Dennis Pausch (TU Dresden) zu berichten weiß, gewissermaßen wie der Hammer nicht den Nagel, sondern den Daumen – es tut weh, zumindest denen tut es weh, die die Antike immer noch auf das Gute, Wahre und Schöne beschränken.

Pausch gibt auf etwas mehr als 150 Textseiten einen Überblick über die Beleidigungskunst von Cato und der römischen Komödie bis zu Fronto und der Historia Augusta, wobei die Schwerpunkte auf Cicero und Catull, der Satire und Martials Epigrammen liegen, außerdem natürlich auf den Graffiti aus Pompei. Als Themenkomplexe identifiziert Pausch die Angriffe auf (republikanische) Politiker „von unten“, den Streit von Politikern oder Schriftstellern untereinander, die Polemik gegen Herkunft, (niedrige) Berufe oder abweichendes, v.a. effeminiertes Verhalten – man hätte auch noch den gnadenlosen Umgang mit körperlicher Behinderung hinzufügen können, aber das wäre vielleicht eine zu arge Provokation des modernen Lesepublikums gewesen.

Das Buch ist zum einen eine verlässliche, kurz gefasste Einführung in die Kunst der Beleidigung in Rom, zum anderen gewinnt es seinen aktuellen Bezugsrahmen durch die immer wieder eingestreuten Schlaglichter auf heutige Erscheinungsformen der Polemik und Beleidigung – ob das nun der battle rap, der Hashtag #notmyconsul oder die Drohung into your face Piso ist. Das ist nicht einfach mit der Wurst nach der Speckseite geworfen, sondern eine Ermutigung, die antiken Texte mit der Brille heutiger Erfahrung zu lesen. Denn die möglichen Aktualisierungen sind natürlich nicht auf die Stichworte Pauschs beschränkt, sondern lassen sich immer wieder neu generieren und auch ad hoc in die universitäre oder schulische Unterrichtspraxis transponieren. Das Buch in jeder Hinsicht anregend – und wenn wirklich ein Schüler oder eine Studentin dann auf Latein beleidigt, dann beleidigt er oder sie wenigstens gebildet.

(Rezension: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)

ZimmermannFrauenFrauenbilderCover1

Unterkategorien