Worin liegt die wichtigste Demokratie-bildende Leistung des altsprachlichen Unterrichts für unsere Gesellschaft?

Das, meine Damen und Herren, und ich freue mich sehr, dass Sie heute so zahlreich den Weg hierher gefunden haben, das ist die Leitfrage unseres Kongresses - und es ist auch eine der zentralen Leitfragen unserer programmatischen Arbeit als Fachverband für Griechisch und Latein an Schulen und Universitäten.

Sehr geehrte Frau Vizepräsidentin Pirker, vielen Dank, dass Sie als Hausherrin uns hier persönlich begrüßen und bereits im Kongressbegleiter in Ihrem Grußwort betont haben, dass „die Alten Sprachen – Latein und Griechisch – […] immer noch ein wichtiger Schlüssel zu Grundtexten und Grundbedingungen  der europäischen Kultur und Wissenschaft <sind> und erst die Kenntnis dieser Sprachen […] den fundierten wissenschaftlichen Umgang mit unserer Welt“ ermöglicht.

Als ehemalige Schülerin des Uhland-Gymnasiums in Tübingen und Theologin wissen Sie natürlich um den Wert.

Wir freuen uns außerordentlich, dass die Universität Frankfurt sich so sehr dafür einsetzt, dass die Grundlagen dessen, wo unsere Begriffe von Demokratie, Politik, Wettbewerb als agonalem Prinzip, Concordia, Harmonia, consensus omnium als Ziel zur Überwindung von Spaltungen in unserer Gesellschaft und nicht zuletzt das Nachdenken über Tugenden, die den Einzelnen befähigen, die Verwirklichung seines bestmöglichen Ichs anzustreben, um schließlich wahre Eudaimonia zu erreichen, dass also die Universität Frankfurt sich dafür einsetzt, dass die Antike auf der Basis der Arbeit mit den Originalen auch weiterhin ihre Orientierungsfunktion in unserer Gesellschaft und – hier lokal - den vielen humanistischen Gymnasien in Stadt und Umland Frankfurts entfalten kann! Und – so unser Wunsch: Möge das dementsprechend auch bei der Frage des Erhaltes der dafür notwendigen Professuren seinen Ausdruck finden!

Sehr geehrter Herr Staatssekretär Dr. Lösel, ganz besonders freuen wir uns, durch Sie die Wertschätzung der Landesregierung überbracht zu erhalten! Bitte übermitteln Sie unserem Schirmherrn, dem Ministerpräsidenten Boris Rhein, unseren ganz herzlichen Dank für sein Grußwort für den Kongressbegleiter, das von echter Liebe zu den Alten Sprachen und der humanistischen Bildung Zeugnis ablegt, der ja selbst an einem unserer Tagungsorte, dem Lessing-Gymnasium, zur Schule gegangen ist, und der durch die explizite Nennung der Förderung des Latein- und Griechisch-Unterrichtes im Koalitionsvertrag (Passage auf der Folie) als politischem Ziel der Landesregierung deutlich gemacht hat, dass es sich dabei für ihn nicht nur um eine schöne Floskel für Festtagsreden und Grußworte, sondern um ein Grundprinzip der hessischen Politik handelt!

Im Herzen von Europa wollen wir Schulen ermutigen und besonders fördern, die sich der europäischen Mehrsprachigkeit – einschließlich der alten europäischen Kultursprachen Latein und Griechisch – widmen. Wir wollen weiterführenden Schulen mit diesem Profil besondere Möglichkeiten zur Erweiterung der Stundentafel, zum Ausbau eines entsprechenden Fächerangebots und zur Beschulung interessierter Kinder auch jenseits des Schulträgerbezirks bieten. (Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD für die 21. Legislaturperiode 2024-2029, S.14)

Und als Bundesverband freut es uns außerordentlich, dass eine so enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen der Landesregierung und dem Hessischen Altphilologenverband besteht, dessen Vorsitzende, Frau Dr. Marion Clausen vom Philippinum in Marburg, ich an dieser Stelle ganz herzlich begrüßen möchte!

Und wir würden uns sehr freuen, wenn Sie, lieber Herr Staatssekretär Dr. Lösel, unserem Schirmherrn unseren großen Dank zurückmeldeten, dass er in diesem Sinne auch auf seinen Wissenschaftsminister einwirkt, um die entsprechende Ausstattung der Goethe-Universität mit einer Professur für Griechisch und einer für Latein als Mindestbestand zu erhalten!

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Dr. Eskandari-Grünberg,

wir freuen uns sehr, dass Sie uns die Wertschätzung der Stadt Frankfurt am Main überbringen, einer Stadt, die ihren Stolz auf ihre Anfänge als römische Stadt (Nida) mit vielen Museen und Grabungsprojekten engagiert pflegt und mit dem Liebieghaus, um nur ein Beispiel zu nennen, über ein ganz außerordentliches exemplum stadtbürgerschaftlichen Kulturmäzenatentums mit dem Schwerpunkt auf der antiken Skulptur und ihrer Rezeption verfügt!

Sie selbst stammen ja aus einer Weltregion, deren Kultur viel älter ist als die der Stadt Frankfurt – und in der Herodot die erste schriftlich dargestellte Verfassungsdebatte der Weltgeschichte verortet! (Wir haben hier jetzt keine Zeit, das Für und Wider der Historizitätsfrage zu erörtern – und es gibt mehrere Vorträge und Arbeitskreise, die diesen locus classicus in unterschiedlicher Weise beleuchten -, es sei hier nur angemerkt, dass die Erörterung dieser Frage: „Ist diese Verfassungsdebatte historisch denkbar oder nicht?“ ein großartiges Beispiel demokratiebildenden altsprachlichen Unterrichts ist.)

Und ganz besonders freue ich mich, die Vertreter unserer befreundeten Verbände begrüßen zu dürfen, für die Mommsen-Gesellschaft Herrn Prof. Hammerstaedt, und für die Euroclassica Herrn Prof. Christian Laes!

Und als absoluten Höhepunkt – the unsurpassable highlight – und deshalb sind Sie ja alle heute hier – I am inexpressibly happy about this momentum felicissimum that I may have the pleasure (and the honour!) to greet here in Frankfurt, you, dear Mary, and also your laudator, you, dear Llewelyn, Classics Professor emerita of Cambridge and Classics Professor of Oxford!

Mary Beard

Und bevor ich gleich das Wort an den Vorsitzenden des Ortskomitees übergebe, Herrn Prof. Bernsdorff, ohne dessen riesiges Engagement dieser Kongress nicht hätte stattfinden können – Dank dafür! –, erlauben Sie mir, noch einen politischen Punkt und zwei inhaltliche als Ansatz zur Beantwortung der Leitfrage:

Zum Politischen: Der DAV ist auch selbst politischer Akteur. Und unser politisches Gewicht steigt mit der Zahl unserer Mitglieder… Daher: Werden Sie Mitglied, falls Sie es noch nicht sind! Und werben Sie Ihre Kolleginnen und Kollegen!

Österreich hat uns vorgemacht, wie man einen bildungspolitischen Konflikt mit den Mächtigen gewinnen kann: - Peter Glatz, der Vorsitzende des österreichischen Altphilologenverbandes wird hier einen Arbeitskreis dazu halten! - Öffentlichkeitswirksamer Rücktritt der Lehrplankommission – schon ist man in den landesweiten Nachrichten, Petition mit Unterschriften von Nobelpreisträgern und anderen Geistesgrößen völlig anderer Fächer, welche die allgemeinbildende Wirkung unserer altsprachlichen Fächer zeigen, unermüdliche Öffentlichkeitsarbeit – bis hin zum Sieg erst in der Sache und dann auch über das Narrativ der Politik: Hatte zuerst der Minister es noch geschafft, den Eindruck zu vermitteln, dass er sich doch mit irgendeinem Aspekt durchgesetzt habe, - und sah es zunächst so aus, als werde ihm dieser face-saving Exit gestattet, so hat es jetzt der Verband sogar geschafft, dieses Narrativ zu drehen: „Latein ist gerettet!“ „Die Stundentafel kann so bleiben, wie sie ist!“ Das sind jetzt die Schlagzeilen in Presse und Fernsehen!

In Niedersachsen, wo das Kultusministerium derzeit plant, den Rechtsanspruch auf die Belegungsmöglichkeit anderer FS als Englisch in der Oberstufe zu beseitigen – und damit aufgrund der fehlenden Stunden an den Schulen de facto deren Abschaffung -, ist es durch entsprechende Öffentlichkeitsarbeit immerhin gelungen, dass die Opposition einen Entschließungsantrag zum Stoppen dieser Reform mit Verweis auf die Fremdsprachenproblematik in den Landtag eingebracht hat, so dass es damit auch dort eine umfangreichere Berichterstattung gab, aber dort ist die Kuh noch nicht vom Eis....

Nun noch zu den zwei inhaltlichen Punkten:

Was also sind unsere programmatischen Anliegen als Fachverband für Griechisch und Latein hinsichtlich der Demokratie-Bildung?

Auf der einen Seite verstehen wir unsere Sprachbildungsleistung in den altsprachlichen Fächern als _wie man heute sagt - Empowerment für unsere Schülerinnen und Schüler, indem wir sie durch das Proprium unserer Fächer, nämlich mittels der Anleitung zum präzisen Übersetzen, sprachlich in den Stand versetzen, über diejenige Sprachkompetenz zu verfügen, die für eine gleichberechtigte Teilhabe nicht nur an geistesgeschichtlichen Diskursen, (wie wir sie im Feuilleton unserer großen Zeitungen finden), sondern an allen Bereichen des beruflichen, gesellschaftlichen und politischen Lebens unabdingbare Voraussetzung ist.

Und lassen Sie mich in puncto des EPA- und Leistungsmessungsdiskurses hier nur kurz anmerken: Es ist ein Missverständnis, zu glauben, bei der Übersetzungsaufgabe gehe es in erster Linie um Textverständniskompetenz. Textverständnis, Interpretation und Übersetzung sind selbstverständlich, niemand bestreitet das, aufs engste miteinander verbunden. Nur weil wir im Zweifelsfall bei der Gewichtung grammatischer oder syntaktischer Fehler die Entstellung des Textsinnes heranziehen, heißt das nicht, dass es bei der Übersetzungsaufgabe in erster Linie um den Nachweis von Textverständnis gehe. Vielmehr geht es hier um den Nachweis von Übersetzungskompetenz. Diese hat letztlich Sprachbildung zum Ziel.

Und dann gibt es noch ein beliebtes Sprachspiel der „Leistungsmessungswissenschaft“: Die Zuweisung von AFBs, sogenannten Anforderungsbereichen. Gibt es jemanden, der ernsthaft behaupten möchte, die Übersetzung des Satzes: „Senator ad curiam venit“ erfordere eine Urteilskompetenz des AFB III? Hier geht es doch um reine Reproduktion auswendig gelernter Vokabeln. Lassen Sie uns das mit der Aufgabe 1 im Fach Geschichte vergleichen: Das Erfassen der zentralen Aussage eines komplexen deutschsprachigen Textes, die Erarbeitung der Argumentationsstruktur und die angemessene schriftliche Wiedergabe dieses Erarbeitungsprozesses wird als AFB I klassifiziert. Wer versteht das?

Die Übersetzungskompetenz, die erforderlich ist, um einen einigermaßen komplexen lateinischen oder griechischen Text im Deutschen angemessen wiederzugeben scheint mir durchaus vergleichbar mit der historischen Einordnungskompetenz im Fach Geschichte, wenn ein historischer Quellentext in seine historischen Kontexte eingeordnet wird. Auch da ist einiges an Urteilskompetenz vonnöten, das Ganze wird dem AFB II zugeordnet.

Hierbei möchte ich es für heute belassen, nicht nur Euripides verfasste seine Texte mehr dazu, Irritationen zu wecken und Fragen offen zu lassen (freuen Sie sich auf das neue Forum Classicum, da erfahren Sie mehr dazu!), auch hier soll es erst einmal um Erschütterung von vermeintlichen Selbstverständlichkeiten gehen…

Soviel zum Bereich Sprachbildung.

Auf der anderen Seite beanspruchen wir eine Orientierungsfunktion durch die Beschäftigung mit den antiken Texten, gerade weil wir sie nicht als Idealbild anbeten – wie es manchmal als Vorwurf erhoben wird - und wie bei vielen Vorwürfen, werden auch hier eher Pappkameraden aufgestellt, die man dann mit Genuss umwerfen kann -, sondern weil wir uns gemeinsam mit unseren Schülerinnen und Schülern kritisch und hermeneutisch mit ihnen auseinandersetzen, ihre Positionen zu verstehen und einzuordnen suchen und gerade dadurch ein besseres Verständnis unserer eigenen Situationen erhalten, sei das in Geschlechterrollenzuschreibungen, sei es in Konfliktanalysen, in biographischen Vergleichen oder in Friedens- und Konfliktlösungsansätzen – und auch in kritischen Auseinandersetzungen mit der Staatsform Demokratie: Wer einerseits, wie Thukydides im Epitaphios, das hohe Lob seines demokratischen Gemeinwesens singt, darf und muss vielleicht sogar, andererseits auch Auswüchse der Demagogie benennen dürfen, ohne als Feind der Demokratie abgetan zu werden – was wäre heute aktueller?

Oder auch, ganz aktuell, in der Frage, wie wir angesichts sogenannter künstlicher Intelligenz das Humanum und den Humanismus neu bestimmen müssen. (Prof. Bernsdorff wird dazu einen Vortrag halten, auf den ich schon sehr gespannt bin!)

Allen diesen exempla ist gemeinsam, dass man die Orientierungsfunktion nur durch beipielhafte Beschäftigung mit den konkreten Texten gewinnt und zeigen kann – und genau das werden unsere großartigen Referentinnen und Referenten, die ich hier auch ganz herzlich begrüße, in den nächsten Tagen mit Ihnen gemeinsam tun!

Damit ist der Kongress eröffnet.

Und, last but not least, möchte ich unseren Dank gegenüber unseren Sponsoren gebührend zum Ausdruck bringen: Wir danken den Freunden und Förderern der Goethe-Universität und der Schleicher-Stiftung für die großzügige Unterstützung des Kongresses!

Und dem Ernst Klett Verlag, unserem Hauptsponsor, dafür, dass er uns den Empfang finanziert, zu dem Sie alle im Anschluss ganz herzlich eingeladen sind!