Dankbar stehe ich heute hier zum 75jährigen Jubiläum des NAV sowohl als Vertreterin des DAV-Bundesverbandes als auch unseres niedersächsischen Landesverbandes.
Lieber Herr Ministerialdirektor Milde, danke, dass Sie uns die Wertschätzung des MK überbringen, lieber Herr Bröcker als Leiter einer Schule, an der offene Diskurse auch über bildungspolitische Fragen gepflegt werden, lieber Henning als Vertreter des uns eng befreundeten Philologenverbandes, lieber Dennis als Leiter des Ortskomitees, dessen Engagement wir die großartige Organisation verdanken, lieber Christian als Vorsitzender des NAV, lieber Uwe als unser heutiger Hauptredner mit den Erfahrungen aus Mecklenburg-Vorpommern.
Immer wieder wird von der Nutzlosigkeit gesprochen, der Nutzlosigkeit von Bildung und ganz besonders der Alten Sprachen – und es wird z.T. auch das Lob des Nutzlosen gesungen – aber auf diesen Aspekt möchte ich heute nicht eingehen.
Sondern: Ist das alles wirklich so völlig nutzlos? Und, Herr Milde, vielen Dank, dass Sie uns soeben aus der Sicht des MK bereits deutlich dargelegt haben, wie zentral die sprachbildende und denkfördernde Funktion unserer Fächer ist und wie sehr diese von unserem Kultusministerium geschätzt wird!
Ergänzend will ich einen anderen Aspekt ins Zentrum rücken: Was ist denn der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält?
Sind nicht die gemeinsamen Narrative, der Literaturkanon, der eigentliche Kern der πολιτικὴ τέχνη, die gemäß Platons Protagoras-Mythos Zeus den Menschen verliehen hat, um sie gemeinschaftsfähig zu machen? Denn enthalten nicht unsere Erzählungen auch unsere Vorstellungen darüber, was richtig ist?
Ist nicht die Schule seit jeher – und seit mindestens 2500 Jahren mit Homer – der Ort, an dem durch Übermittlung des Kanons diese Gemeinschaftsfähigkeit aufgebaut wird? – Und dafür braucht es Zeit und Raum für gemeinsame Diskussionen.
Grundgelegt wird sie natürlich in der Familie, woran man auch öfter erinnern sollte…
σχολή – die Muße in der Kindheit und für die Heranwachsenden, bevor das Hamsterrad des Alltagslebens uns ergreift - respektive, damit es uns niemals so völlig beherrschen kann. Denn wird nicht gerade dadurch der Samen der Freiheit in uns gepflanzt?
Haben nicht deshalb vor 75 Jahren unsere Vorgänger, derer wir hier gedenken, u.a. Dr. Mack, der spätere Leiter des Wilhelm-Gymnasiums in Braunschweig – und das sage ich hier natürlich mit besonders großer Dankbarkeit als Absolventin desselben – haben sie nicht genau deshalb nach den Wirren des Weltkrieges nicht nur allgemein die Wiederherstellung des Schulwesens als Rückkehr zur Normalität von Gesellschaftsleben betrieben, sondern sich bemüht, wieder den Kanon an die nachfolgende Generation zu vermitteln, der uns individuell Orientierung gibt und uns als Gesellschaft zusammenhalten lässt?
Heute besinnen wir uns darauf, dass wir dieses Erbe angetreten haben und es unsere Aufgabe ist, die wir bereitwillig auf uns genommen haben, weil sie uns sinnvoll erscheint, genau wie diese Gründergeneration es für unsere Zukunft tat, nun wir für die Zukunft unserer Kinder und Enkel, weiter für diese Art Schule zu streiten.
Erlauben Sie eine kurze Reminiszenz einer persönlichen Erfahrung: Als ich in der 10. Klasse war, habe ich an einem USA-Austausch teilgenommen – ich kam also aus dem gewissermaßen paradiesischen Wilhelm-Gymnasium in Braunschweig - mit Hans-Peter Tunkel, an den sich viele hier erinnern werden, als Griechischlehrer - für vier Wochen an eine amerikanische High School, die ich als den schärfsten Kontrast zu dem, was ich unter Bildung verstehe, empfunden habe: Ein Leben praktisch ohne Literatur und Fremdsprachen, ohne Vergangenheit, nur für die Gegenwart – das empfand ich als so erschreckend, dass ich direkt nach meiner Rückkehr in eine politische Jugendorganisation eingetreten bin, um bildungspolitisch daran mitzuarbeiten, Derartiges für Deutschland zu verhindern.
Das bietet mir einen Anknüpfungspunkt für die Oberstufenreform, die sich derzeit in der Anhörung befindet – und verstehen Sie mich nicht falsch, Wahlfreiheit schätze ich sehr - wenn es denn wirklich eine ist, eine echte Wahlfreiheit, in der die interessierten und leistungsbereiten jungen Menschen auch ihren altsprachlichen Interessen in der Oberstufe nachgehen können!
Aber die jetzt vorgesehene Planung des 11. Jahrgangs – bei der ich auch die Abwahlmöglichkeit von Physik oder Chemie wie von Politik oder Geschichte für eine Schnapsidee halte – dies alles sollte im Klassenverband gemeinsam erarbeitet und diskutiert werden, gerade in der aktuellen Zeit, in der politische Narrative auseinanderfallen und Kommunikationslosigkeit droht.
Das schlimmste aber an dieser Oberstufenreformplanung ist, dass es, wenn vielleicht nicht von allen daran beteiligten Akteuren aus finanziellen Motiven bewusst bezweckt, so doch sehenden Auges billigend in Kauf genommen wird, dass Fremdsprachen außer Englisch in der niedersächsischen SEK II, also den letzten drei Jahren der Gymnasialzeit, beseitigt werden: Wir berauben damit unsere Kinder gerade der Phase, in der man eigentlich anspruchsvolle Literatur gemeinsam erarbeitet und diskutiert, um die sprachliche Grundlage wie die kulturelle Kenntnis des Kanons zu legen - nicht nur für eine erfolgreiches Studium, sondern für ein erfülltes Leben – im Sinne der εὐδαιμονία.
Und wenn wir sehen, wie überall weltweit der Kanon der lateinischen und griechischen Klassiker gelesen und vermittelt wird, sehen wir, dass dies wirklich Weltkultur ist, die überall als orientierunggebende Bildung geschätzt wird (cf. Die Übersicht in: Steven Hunt & John Bulwer, Teaching Classics Worldwide, London 2025). Und mir ist auch nicht bange um den Verlust des Kanons, wenn man doch in den Bücherregalen der Buchhändlerinnen und Buchhändler haufenweise antike Mythen in aktueller Romanform findet, wenn Computerspiele diese als eines ihrer bevorzugten Sujets verwenden, wenn jeder Regisseur, der auf sich hält, seine Version der Odyssee in die Kinos bringt, was aktuell die Verkaufszahlen Homers in ungeahnte Höhen treibt – da kommen immer wieder junge Menschen zu uns und wünschen sich, das im Original lesen zu können – und es ist unsere Aufgabe, und auch Ihre, lieber Herr Milde, als Vertreter des MK, für die Rahmenbedingungen zu sorgen, dass sie dies auch können!
Bei genauer Betrachtung der PISA-Ergebnisse nach Schulformen stellen wir ja fest, dass Deutschland im gymnasialen Bereich international an der Spitze steht und auch die gelobten Systeme wie Estland oder Kanada in allen Kategorien um 50 Punkte überflügelt – nur zu denjenigen in nicht-gymnasialen Schulformen in unserem Land bestehen ca. drei bis vier Jahre Abstand. Insofern sehen wir es als absolut begrüßenswert, dass das niedersächsische MK die Referate 33 (Gymnasien) und 31 (Gesamtschulen) jetzt getrennt hat, weil das ja auch völlig unterschiedliche Baustellen sind. - Diese Schülerinnen und Schüler der Gymnasien, die diese Leistungen erbracht haben, die in PISA dokumentiert sind, brauchen auch in der Oberstufe Futter!
Und dass sie gerade auch in den Alten Sprachen hervorragende Abiturergebnisse liefern können, zeigen die aktuellen Zahlen des letzten Durchgangs hier in Niedersachsen, in denen die Durchschnittsnote in Griechisch mit 11,96 wieder die beste des Landes war, gefolgt von Latein mit 10,33 und – auch das wollen wir lobend erwähnen – von Französisch mit 10,14 auf Platz drei. Sicherlich sind die Zahlen der Griechischabsolventen sehr klein, aber ein Latein-Abitur legen immerhin 3% des Jahrganges ab, doppelt so viele wie Französisch (1,6%).
Wenn Sie die Oberstufenreform so umsetzen, wie sie jetzt in der Anhörung ist, werden Fremdsprachen außer Englisch an den meisten Gymnasien Niedersachsens in der 11 sterben, einfach, weil die Lehrerstunden fehlen.
Darum unser Appell an Sie und das MK: Ermöglichen Sie weiter diese großartigen Abiturergebnisse, ermöglichen Sie weiterhin diese Bildung für das Leben, fügen Sie den bisher bestehenden Rechtsanspruch der Schülerinnen und Schüler auf eine weitere Fremdsprache in 11 und in der Qualifikationsphase, also den Erhalt des Rechtsanspruches niedersächsischer Schülerinnen und Schüler auf die Unterrichtung in mindestens zwei Fremdsprachen in den gesamten drei Jahren der Sek. II, in Ihre neue Oberstufen-VO ein – in unserer Stellungnahme, die Ihnen in Kürze zugehen wird, haben wir Ihnen einen Vorschlag unterbreitet, wie man dies rechtssicher formulieren könnte.
Auf dass wir auch in den nächsten 75 Jahren gemeinsam die erfreulichen Ergebnisse niedersächsischer Schülerinnen und Schüler in Latein und Griechisch feiern können!

Dr. Uwe Dietsche, Schulleiter des Fridericianums in Schwerin, der gemeinsam mit Matthias Brodkorb die Profilschulen für Begabtenförderung in MV konzipiert hat, zu denen auch vier mit Griechisch gehören, bei seinem Vortrag 'The digital hole. Über den Wert der Beschäftigung mit den Alten Sprachen in Zeiten von KI' bei der Festveranstaltung zu 75 Jahren NAV am Ratsgymnasium Osnabrück'


