Kirchner, R., (2022), Protreptik und Rhetorik. Werbung für die Beredsamkeit in der römischen Literatur. Franz Steiner Verlag: Stuttgart. 249 S. EUR 50,- (ISBN 978-3-515-13291-6).

Die vorliegende Studie ist eine Habilitationsschrift, die 2020 von der Philosophischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena angenommen wurde. In der Einleitung (11-12) stellt Roderich Kirchner (K.) klar, dass die antike Rhetorik Teil des Erziehungswesens der Antike war. Bereits in der ersten Anmerkung verweist K. auf wichtige Literatur zum Thema (etwa: J. Christes/R. Klein/ Chr. Lüth (Hrsgg.), Handbuch der Erziehung und Bildung in der Antike. Darmstadt 2006 und natürlich der Klassiker: H. – I. Marrou, Geschichte der Erziehung im klassischen Altertum, hrsg. von R. Harder. Freiburg/München 1957). Als Ziel seiner Untersuchung gibt K. an, „die jeweiligen literarischen Motive und Formen der Werbung für die Beredsamkeit und für den Unterricht in der Rhetorik in der römischen Literatur zu beschreiben“ (12). Im ersten Kapitel erläutert K. den Begriff Protreptik, geht auf Motive und ihre Entstehung ein (13-36). Im Vordergrund der „sachlichen Grundlagen“ stehen griechische Autoren, vor allem Isokrates; die Vertreter der griechischen Rhetorik setzten sich mit den Sophisten und den Philosophen auseinander und bildeten protreptische Motive und Formen heraus (12). Wie am Ende aller Kapitel bietet K. auch hier eine Zusammenfassung (36). Auf der Basis dieser Analysen beschreibt K. im zweiten Kapitel (37-47) die Wege der Protreptik für die Rhetorik von Athen nach Rom. Dabei spielen Cato der Ältere und Cicero, aber auch Seneca der Ältere eine entscheidende Rolle. Der Verfasser widmet Cato dem Älteren ein eigenes Kapitel (Kapitel drei) und präsentiert ihn als Redner und Vorbild (48-62). Dann folgt das zentrale vierte Kapitel: Cicero (63-195). Im fünften Kapitel untersucht K. die Bedeutung Senecas des Älteren im Rahmen seiner Fragestellung (196-218). Im sechsten Kapitel stellt K. die erarbeiteten Ergebnisse vor (219-224), im siebten Kapitel finden die Leserinnen und Leser ein umfangreiches Literaturverzeichnis (225-235). Das Register mit dem Index locorum und den Stichwörtern bildet den Abschluss des Buches (237-249).

Das erste Kapitel beginnt K. mit einer Definition des zentralen Begriffs seines Buches: „Unter Protreptik versteht man in der modernen Forschung die Werbung für einen bestimmten Unterricht, für einen bestimmten Lehrer und um einen bestimmten Schüler“ (13). Eine solche Werbung geht einher mit verschiedenen protreptischen Motiven, vor allem mit dem „Motiv der Gabe, dem Lob der Redekunst, der Aufforderung zu Anstrengung und Übung, der Warnung vor dem Scheitern und dem Versprechen von Ruhm“ (220). Abgegrenzt wird die Protreptik von der Paränese, die verstanden werden kann als „die Aufforderung und Ermahnung, sich an bestimmte Regeln für die richtige Gestaltung des Lebens bzw. eines Lebensbereiches zu halten, und zugleich die Präsentation wichtiger Regeln“ (18). Als Paradebeispiele für paränetische Reden können Isokrates‘ Reden An Nikokles (Isoc. 2) und Nikokles oder An die Kyprier (Isoc. 3) genannt werden (18). Auf der Grundlage dieser Begriffsbestimmungen ist es K. möglich, systematisch seine Themenbereiche durchzuarbeiten.

Im zweiten Kapitel legt K. sein vertieftes Verständnis von dem vor, was er mit seiner Publikation untersuchen möchte, nämlich die Protreptik für die Rhetorik in Rom von den Anfängen bis zum Älteren Seneca.

Der erste römische Protagonist steht im dritten Kapitel im Vordergrund: Cato der Ältere. K. wählt dessen Werke aus zwei Gründen für seine Studie aus; einerseits könnte er als „Vorbild und Lehrer der Beredsamkeit“ gelten, andererseits wendet er sich an seinen Sohn mit dem deutlichen Ziel, ihn „zu erziehen und zu fördern“ (48). Damit steht er – wie auch Cicero und Seneca – in einem persönlichen Verhältnis zu einer ihm nahestehenden männlichen Person und setzt sich für den Erwerb rhetorischer Bildung ein. Hierbei rezipiert er bestimmte Schemata, die er direkt oder indirekt von dem griechischen Redelehrer Isokrates und dessen Nachfolgern entlehnt hat. In den folgenden Unterabschnitten analysiert K. näher das Bild Catos als Redner und Vorbild (49-51). Während es Cicero vergönnt war ungefähr 150 Reden Catos zu lesen (Brutus 65), können heutige Forscher nur um die 250 kleinere Fragmente aus 79 Reden studieren (49, Anm. 6). Der augusteische Historiker Livius bezeichnete Cato als eloquentissimus (Liv. 39, 40,4-8), demgegenüber entschied sich Nepos in seiner Kurzbiographie für eine andere Beurteilung: probabilis orator (Nep. Cat., 3,2). Quintilian lobt in seiner berühmten Institutio oratoria Cato als in dicendo praestantissimus (Quint. inst. 12, 3, 9 und 2, 5, 21), warnt aber ausdrücklich davor, „sich die Schroffheit Catos und der Gracchen zum Vorbild zu nehmen“ (49). Erwiesen ist, dass Cato sich intensiv mit der griechischen Literatur befasst hat – ein Faktum, das lange bestritten wurde. Dietmar Kienast hat in seiner bahnbrechenden Dissertation (Cato der Zensor. Seine Persönlichkeit und seine Zeit. Mit einem kritisch durchgesehenen Neuabdruck der Redefragmente Catos. Quelle und Meyer. Heidelberg 1954) dieses Vorurteil widerlegt, die bis dahin sehr einseitige Sichtweise zurechtgerückt und weitere Vorurteile über diesen römischen Feldherrn, Schriftsteller und Staatsmann relativiert. Dieses Publikation lässt K. leider unberücksichtigt, ebenso wie eine weitere sehr lesenswerte Studie von Michael von Albrecht: „Der Anfang der literarischen Prosa: M. Porcius Cato (234 – 149 v. Chr.)“ (in: Ders., Meister römischer Prosa von Cato bis Apuleius. Lothar Striehm Verlag: Heidelberg 1971, 15-50). Darin interpretiert der Autor einfühlsam und subtil die Vorrede zum Werke Catos: De agricultura, die Rede im Senat für die Rhodier (167 v. Chr.) sowie einen Textabschnitt über Cato, in dem dieser mit Leonidas verglichen wird (M. von Albrecht, a.a.O., 38-50). Ansonsten hat K. auf wichtige Forschungsergebnisse zurückgegriffen. Auch der griechische Schriftsteller Plutarch hat sich mit Catos Leben und Werk befasst und ihn als römischen Demosthenes bezeichnet (Plut. Cat. Ma. 4, 1-2). In diesem Zusammenhang verwendet der in Chaironeia geborene Historiograph das Substantiv δεινότης und beschreibt damit „eine überragende Redegewalt und die Fähigkeit, sie richtig und angemessen zu gebrauchen“ (50). Insgesamt kommt K. zu der Erkenntnis, dass Catos Leistung protreptisch genannt werden kann, denn er hat bei den jungen Römern Erfolg mit seinen Reden und regt sie an, ihn nachzuahmen und unter einander in Wettstreit zu treten (51). In einem weiteren Unterabschnitt erläutert K. das Verhältnis von Cato zu Karneades (52-55), um sich dann zwei Schriften zuzuwenden, die dieser an seinen Sohn gerichtet hat (Ad filium; Epistula ad M. filium, 55-61). K. geht umsichtig mit der Quellenlage um, denn beide Schriften sind nur fragmentarisch überliefert; so gibt es für die erst genannte Schrift nur 16 Fragmente (55), die sich in den Werken verschiedener Autoren finden lassen. K. arbeitet heraus, dass Cato gewissermaßen in Konkurrenz zu Karneades tritt und Motive und Strukturen der Protreptik aufgreift (62). Cato wendet sich an seinen Sohn (wahrscheinlich ist der älteste Sohn gemeint: M. Porcius Cato Licinianus, 58), aber auch an eine breitere Öffentlichkeit und initiiert damit eine Haltung, die ihre Fortsetzung bei Cicero und Seneca dem Älteren findet.

Im vierten und umfangreichsten Kapitel über Cicero rückt K. verschiedene Schriften des größten römischen Redners in den Fokus (verschiedene Briefe, das Commentariolum petitionis, De oratore, und De officiis (63-195)). Aus Platzgründen möchte ich in gebotener Kürze zunächst auf K.‘ Ausführungen zur Schrift De oratore, dann zu denen zu De officiis eingehen. Zur ersten Abhandlung stellt K. fest, dass es sich hierbei nicht um eine protreptische Schrift handelt, sondern um eine solche, die aber „eine große Vielfalt von Elementen eindeutig protreptischer Natur“ zeigt (140). K. belegt seine Ergebnisse mit den Hinweisen darauf, dass die drei Bücher eine immense Größe des Stoffes aufweisen (maius-Motiv); des Weiteren seien die Adressaten nicht nur sein Bruder Quintus, sondern vor allem jüngere Schüler, „die eine andere und bessere Ausbildung als die, die von der konventionellen Rhetorik angeboten werde, verdienten“ (141). K. registriert einen protreptischen Rahmen, eingeleitet von der cohortatio des Crassus am Beginn der Schrift (de orat. 1, 30), beendet mit dem Schlussgespräch (de orat. 3, 230), wobei den Adepten nahegelegt wird, alle Kräfte anzuspannen und zu verhindern, dass der junge Redner Hortensius sie in den Schatten stellt (141). Die Besonderheit dieser Schrift liegt darin, dass die Schüler eine jeweils unterschiedliche Entscheidung treffen, denn Sulpicius favorisiert den „normalen Weg“, Cotta hingegen votiert für die Philosophie der Akademie (142). K. sieht in De oratore eine Werbung für Ciceros „Konzept der Aussöhnung von Rhetorik und Philosophie“ (142).

Aus der Perspektive K.‘s ist die literarische Form des Traktats De officiis einfacher als die im Falle von De oratore (159). In der erst genannten Schrift hat Cicero jedes der drei Bücher mit einem persönlichen Vorwort eingeleitet und lässt das Werk mit einem Epilog am Ende ausklingen (159). In diesen Rahmenabschnitten argumentiert Cicero in einer explizit protreptischen Art und Weise, während man in den verbleibenden Textstellen eine paränetische Strategie erkennen kann; K. sieht Bezüge zwischen der Struktur von De officiis mit der Rede des Isokrates An Nikokles (or.2), in dessen Rahmenteil der griechische Rhetoriker Werbung für sein Fach betreibt, während der Haupttext Empfehlungen allgemeiner Art vor allem für Politiker bzw. Herrscher aufweist (180). Der römische Redner hat bekanntlich De officiis in genauer Kenntnis der Vorlage des Panaitios verfasst, der sich zwar an junge Personen richtet, aber ausdrücklich keine Werbeschrift konzipieren wollte, weder für die Philosophie noch für die Rhetorik (194). Ciceros Spätschrift De officiis trägt demnach einen gewissen Widerspruch in sich, der nur unter der Annahme auflösbar erscheint, „dass der Rahmen mit seiner Ermunterung zu rhetorischen Studien in gewisser Weise über dem engen Inhalt der Bücher steht, ohne diese aufzuheben oder einzuschränken. So kann Cicero zugleich den möglichen Konflikt von De officiis mit seinen anderen philosophischen Schriften entschärfen“ (194/195).

Das fünfte Kapitel widmet K. dem römischen Rhetor und Schriftsteller L. Annaeus Seneca, genannt der Ältere – im Gegensatz zu seinem Sohn, Seneca der Jüngere. Zunächst untersucht K. die Schrift Oratorum et rhetorum sententiae, divisiones, colores (ca. 37. n. Chr.) auf seine Fragestellung. Darin finden sich Auszüge von Deklamationen, von Anekdoten und literarkritischen Beiträgen (196). Ebenso wie bereits Cato und Cicero sind die Adressaten Senecas die erwachsenen Söhne. Ausdrücklich beruft sich Seneca nicht auf Cicero, zitiert hingegen im Prooemium der ersten Controversia aus Catos Schrift Libri ad Marcum filium (197). Die Adressaten der Controversiae sind keine Schüler oder Studenten der Rhetorik mehr. Sie befinden sich am Anfang ihrer Karriere als Anwälte oder Politiker. K. bietet Informationen über die drei Söhne Senecas: L. Iunius Annaeus Novatus, L. Annaeus Seneca und Annaeus Mela. Auch wenn sich Seneca der Jüngere von der Philosophie begeistern lässt, bedeutet dies aber keine Abwendung von der Rhetorik. Es lässt sich bei Seneca dem Älteren auch keine Konkurrenz zwischen Rhetorik und Philosophie konstatieren. K. prüft umsichtig, wieweit Seneca protreptische Motive verwendet. Als erstes nennt er das Motiv des audire velle, d. h. die Söhne zeigen großes Interesse, die Sententiae der Deklamationen zu hören (200). Auch das maius-Motiv erkennt K. im Werk Senecas, da dieser die Beredsamkeit als hochheilig bezeichnet (sacerrima eloquentia, 203). Ein zentrales pädagogisches Anliegen Senecas ist darin zu sehen zu erreichen, dass sich die Söhne ein Urteil bilden können über die Disziplinen, in denen sie unterrichtet werden (iudicium). Wichtig ist ihm, dass seine Söhne nicht nur ein einziges Vorbild nachahmen, sondern mehrere Ideale anerkennen sollen (Sen. contr. 1, pr. 6, in Anlehnung an Ciceros gleichartige Auffassung (Cic. inv. 2, 1-5): facitis autem, iuvenes mei, rem necessariam et utilem quod non contenti exemplis saeculi vestri priores quoque vultis cognosere; primum quia, quo plura exempla inspecta sunt, plus in eloquentiam proficitur, non est unus, quamvis praecipuus sit, imitandus, quia numquam par fit imitator auctori). Die Rhetorenschulen zur Zeit Senecas bieten eine Ausbildung in verschiedenen Fachgebieten, etwa in der Beredsamkeit (211-212), in der Philosophie (212-213), in der Geschichtsschreibung (214-215) und in der Poesie (216-217). Senecas Ausführungen können als Werbung begriffen werden, obwohl er für keines der angegebenen Disziplinen eine Präferenz zeigt und den Adressaten eine freie Entscheidung einräumt (218).

Insgesamt legt K. mit seiner Studie ein wertvolles Buch vor, das die Forschung entscheidend voranbringt. Dabei verfolgt er stringent seine anvisierten Ziele, legt ein wohlüberlegtes und gut nachvollziehbares Analyseraster vor, verwendet wichtige Forschungsliteratur zum Thema (vgl. aber die Bemerkungen zu Cato), bedient sich eines flüssigen Stils und verlegt lateinische Zitate oft in die Anmerkungen, um die Lesbarkeit nicht zu beeinträchtigen.

Rezensent: Dietmar Schmitz